Von Charlotte McAllister
Early Birds Istanbul Mitarbeiterin & Autorin
Was passiert, wenn man einer Gruppe von Kindergartenkindern einen leeren Kindergarten, ein paar Werkzeuge und völlig freie Hand lässt, um zu entscheiden, was sie machen möchten? Wenn Sie denken, dass „Chaos“ die richtige Antwort ist, dann haben Sie teilweise recht. Aber was wirklich passiert, ist pure Magie… Es entsteht ein „Kreatives Chaos“, und während dabei einige Ideen herauskommen, die sowohl grandios als auch skurril sind… entstehen auch völlig pragmatische Ideen, die gut durchdacht, logisch und darauf ausgelegt sind, das Leben der Nutzer, also der Kinder, zu erleichtern.
Auch wenn es wie ein esoterisches Konzept aus einem Sozialexperiment klingen mag: Projektbasiertes Lernen (PBL) mit Kindern im Kindergartenalter ist eine wirklich bemerkenswerte Art Kinder zu befähigen, sich selbst Dinge beizubringen. Es fördert die Problemlösungskompetenz, kognitive Entwicklung, freies Denken, Teamarbeit und Verantwortungsbewusstsein. Wenn ein Team ein Projekt abschließt, an dem es zusammen gearbeitet hat, stärkt dies das Selbstbewusstsein und das Verantwortungsgefühl aller Beteiligten, vor allem der Kinder.
Wie funktioniert Projektbasiertes Lernen?



Hierzu ein Beispiel: Zu Beginn des Kindergartenjahres stellte unsere Gruppe fest, dass wir keinen Platz hatten, um unsere Trinkflaschen zu verstauen. Das war ein echtes Dilemma! Kann man von fünfzehn Vierjährigen wirklich erwarten, dass sie ihre Flaschen während eines achtstündigen Kindergartentages im Auge behalten? Besonders, wenn wir ständig zwischen verschiedenen Bereichen im Kindergarten hin- und her wechseln. Zuerst ließen wir das Problem bewusst auf die Kinder einwirken. Natürlich waren die Kinder nach ein paar Tagen zunehmend frustriert, weil sie ihre Flaschen ständig mitschleppen mussten und noch genervter waren sie, wenn sie sie mal wieder in einer versteckten Ecke im Garten vergessen hatten. Zwei Fragen kamen auf: Wie können wir das Problem lösen und wie können wir es umsetzen?



Was lernen die Kinder Projektbasiertem Lernen?
An diesem Punkt gehört die Bühne den Kindern, um untereinander Brainstorming zu betreiben, während die Begleiter/innen lediglich als Moderatoren fungieren. Sobald mehrere Ideen im Raum stehen, arbeiten wir demokratisch und die Kinder stimmen über die beste Idee ab. In diesem Fall war die Siegeridee ein hölzerner Kasten mit Griffen, bemalt und lackiert. Wir überlegten uns welche Materialien, Werkzeuge, Sicherheitsbedenken, Farben, Muster, Größe…wir benötigen würden und dann machten wir uns an die Arbeit. Wir experimentieren mit Rohmaterialien, bauten Prototypen, übten den Umgang mit dem Maßband und sprachen über Formen und Winkel. Dieses komplexe Wissen kann von Kindern aufgenommen werden, wenn sie es praktisch anwenden und etwas damit herstellen können. So z.B unsere Wasserflaschen-Station, welche das gesamte Kindergartenjahr über benutzt wurde.



Unter Aufsicht und mit Unterstützung maßen wir das Holz ab, schleifen es ab, bemalen es, malten Muster und bauten es dann mit einem Bohrer zusammen. Die Qualitätskontrolle war akribisch – die Kinder waren sehr gründlich! Der letzte Schritt war eine dicke Schicht Lack, um die Wasserflaschenstation vor Nässe zu schützen.
Jede Phase, von dem Erfassen des Problems bis zur Fertigstellung, muss langsam und stetig ablaufen, um sicherzustellen, dass das Projekt wirklich den Kindern „gehört“ und die Lernziele (Mathematik, Naturwissenschaften, Teamarbeit, Problemlösung usw.) erreicht werden.
Wenn wir jetzt morgens in den Kindergarten kommen, stellen die Begleiter/innen und Kinder ihre Trinkflaschen ganz automatisch in die bunt bemalte Station. Wir können sie durch den ganzen Kindergarten tragen und die Flaschen problemlos dorthin transportieren, wo wir sie gerade brauchen. Mission erfüllt!
Unabhängig vom Projekt, ob groß oder klein, bleiben die grundlegenden Schritte immer gleich. Kindern den Raum und die Freiheit zu geben, nicht nur ihre eigenen Bedürfnisse zu erkennen, sondern auch herauszufinden, wie sie diese erfüllen können, ist für alle Beteiligten ein wertvoller Schritt zur Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit.